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Briefe an Max - Ausgabe #6

Briefe an Max - Ausgabe #6
Von Marcel Schneuer • Ausgabe #6 • Im Browser ansehen
Hallo Max!
Ich glaube, der Erfolg hat mich verändert. Ich habe es zwar tunlichst vermieden, rauszufinden, wie viele Leute jetzt unsere Briefe lesen, aber es sind auf jeden mehr als du, ich und der Typ vom Verfassungsschutz (Servus Dieter). Vor allem wurde ich verunsichert bei der Schreibweise von Begrüßungen und Verabschiedungen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Begrüßung damals mit Komma und danach groß gelernt habe, aber es gibt nicht wirklich Beweise im Internet dafür (auch nichts über die Deutschlehrerin, die mir das beigebracht hat). Was dort aber steht, ist, dass ich bei Weitem nicht der einzige Idiot bin. Ich tendiere gerade dazu, gegen das System zu rebellieren und mit Semikolons zu arbeiten. Mal schauen.
Diese Woche geht es um den Jahrestag der Hanau-Nacht, ein Abgesang auf kritisches Denken und gefährliche Geschichten.

Jahrestag der Hilflosigkeit
Video: Hanau – Eine Nacht und ihre Folgen | hr-fernsehen.de | Sendungen A-Z
Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu. Das sind die Namen der Opfer des rechtsextremen Anschlags in Hanau. Ein Jahr später ist vieles immer noch ungeklärt: Wie kann es sein, dass Vili Viorel Păun drei Mal nicht die Polizei erreichen konnte, während er den Täter verfolgte und dann von diesem erschossen wurde? Warum war der Notausgang in der Arena-Bar verschlossen?
In der Dokumentation des Hessischen Rundfunks kommen die Angehörigen der Opfer und Überlebende zu Wort. Immer wieder geht es um strukturellen Rassismus, der auch nach dem Tod des Attentäters nicht sein Ende fand. Die Wünsche von Familien wurden ignoriert, Opfer unter Generalverdacht gestellt und ein Mantel des Schweigens um die Fehltritte der ermittelnden Behörden gelegt. Ein Untersuchungsausschuss blieb bisher aus.
Für die Ungerechtigkeit, die diese Nacht repräsentiert, fehlen mir die Worte. Unsere Kollegin Tanasgol Sabbagh hat versucht, welche zu finden (Video unten auf der Seite).

Ignore (some of) the web
Opinion | Don’t Go Down the Rabbit Hole - The New York Times
Die New York Times hat ein Problem aufgegriffen, welches ich selber schon länger habe. Irgendwo zwischen Schule und Universität wurde mir mal beigebracht, dass man alle Informationen kritisch hinterfragen kann und dadurch die Wahrheit™ erfährt. Stellt sich heraus: Muss man gar nicht.
Michael Caufield ist der Meinung, dass für den normalen Nachrichtenkonsum viel zu viele Stimmen im Internet herumschwirren, um noch ein ausgewogenes Bild zu bekommen. Der Trick zur Bekämpfung nennt sich SWIFT:
1. Stop.
2. Investigate the source.
3. Find better coverage.
4. Trace claims, quotes and media to the original context.
Wenn man also mal wieder einen krassen Tweet oder Instagram-Post darüber liest, wer jetzt schon wieder ein Kindermörder sein soll, lohnt es sich vielleicht kurz die Quelle und Aussage bei Google reinzuwerfen. Innerhalb von wenigen Minuten bekommt man dadurch wenigsten einen grundlegenden Überblick darüber, ob die Quelle vielleicht auch an die körperliche Veränderung durch Dämonen-Ejakulation glaubt.
Außerdem wird eine tiefe Wunde meiner schulischen Laufbahn geheilt: Wikipedia ist okay. Auf jeden Fall für den oberflächlichen Check. Natürlich ist damit keine tiefgründige Recherche möglich, jedoch kann man auch nicht alles tiefgründig recherchieren. Auf jeden Fall nicht, wenn man ein glückliches Leben führen möchte.
Gefährliche Erzählungen
Unverantwortliches Erzählen
In den letzten Jahren war ich auf die eine oder andere Weise immer nebenberuflich Geschichtenerzähler. Ob nun auf Bühnen, im Radiostudio oder auch in der Agentur: Irgendwie habe ich versucht, über Erzählungen meine Ideen rüberzubringen. Manchmal haben sie sich gereimt, manchmal hießen sie “User Stories”, aber jedes Mal wurde mir bewusst, wie krass effektiv eine Erzählung sein kann, wenn das Publikum sie nur einigermaßen nachvollziehbar findet.
Eben jenes Rezept benutzen auch Verschwörungstheorien. Irgendwo ist immer ein herausgerissenes Zitat oder eine eigentlich unbedeutende Zahl, die auf einmal alles erklären kann. Jan Süselbeck fasst in seiner Rezension zu dem neuen Buch von Nicola Gess zusammen, wie plump eigentlich die Tricks von Verschwörungstheoretikern sind und doch trotzdem nach Jahrhunderten immer noch so gut funktionieren. Das Buch selber ist bei mir jetzt ganz oben auf der Leseliste.
Und sonst so ...
Reclaim Your Face ist eine Aktion, die sich dafür einsetzt, dass automatische Gesichtserkennung durch öffentliche und private Akteure in der EU verboten wird.
Facebook und Australien streiten um Links und der Einzige, der wirklich profitiert, ist ein Medienmogul.
Asservatenkammern in ganz Deutschland sitzen auf mehreren Millionen Euro Bitcoins.
Same Energy ist eine Bildersuchplattform, auf der man nach Vibes suchen kann.
Song der Woche (Bye Bye Daft Punk)
Daft Punk - Digital Love (Official audio)
Daft Punk - Digital Love (Official audio)

Antworten auf diese E-Mail landen direkt bei mir. Hab eine schöne Woche.
Liebe Grüße;
Marcel
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Marcel Schneuer

Wöchentliche Briefe an meinen Mitbewohner mit Interessantem aus Politik, Technologie und Kultur.

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