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Briefe an Max - Ausgabe #5

Briefe an Max - Ausgabe #5
Von Marcel Schneuer • Ausgabe #5 • Im Browser ansehen
Hallo Max,
Ich glaube, du hast mit weißer Schokolade ein neues Level im Kuchen-Game freigeschaltet.
Heute geht es um Warnhütchen, Künstliche “Intelligenz” und eine Sprache, die 17 Millionen Leute sprechen, von der du aber noch nie gehört hast. Außerdem auch was mit Tieren.

Ich glaube dafür brauchen wir VLC.
20 years of orange cones: The history of VLC
Das kleine Warnhütchen verfolgt mich, seit ich das erste Mal vor einem Computer saß. Egal ob Videodateien aus fragwürdiger Herkunft, den Aufnahmen von einer zu günstigen Kamera oder auch einfach ein FLAC Musikstück: VLC war ready.
Das Programm ist immer gestartet, hat wirklich alles (!) abgespielt und wird selbst von Menschen, die Internetadressen in Google eingeben, liebend gern genutzt. Nichtsdestotrotz weiß eigentlich kaum jemand, wo dieses Programm her kommt, wer es weiter entwickelt und wie zur Hölle das Ding nach Milliarden von kostenlosen Downloads sich immer noch hält. Protocol hat zum 20. Geburtstag des VideoLan Players sich mal angeschaut, wo das Programm her kommt, wie es mal kurz alle großen Videoportale mit geprägt hat und was die nächsten Schritte sind (es hat auch mit Weltall zutun).
Unsere KI findet, Sie passen nicht.
Fairness oder Vorurteil?
Ich würde sagen, dass die Verteilung der Berichterstattung über automatische Identifizierung momentan etwa genau zur Hälfte positiv und zur Hälfte negativ ist. Die einen halten es für eine Revolution und den einzigen richtigen Weg, um Behörden und Abteilungen zu entlasten, und die anderen sind nicht weiß oder männlich.
Die Gesichtserkennung durch KI steckt nett gesagt immer noch in den Kinderschuhen und ist rassistisch, sexistisch und extrem schnell zu umgehen, wenn man von ihr verschont werden möchte. Der BR zeigt in einer sehr gelungenen Webseite, wie eine im Einsatz tätige Künstliche Intelligenz auf sehr seltsame Art auf nur kleine Änderungen des Hintergrunds oder Aussehens reagiert. Die Befürchtung ist, dass die Software nicht als neutraler Akteur agiert, sondern existierende Vorurteile einfach verstärkt.
Wenn Worte doch nur schreibbar wären.
Meet the people fighting to keep a language alive online - Rest of World
Stell dir eine Sprache vor, die über 17 Millionen Menschen sprechen und gleichzeitig immer noch Schwierigkeiten hat, in der virtuellen Welt zu existieren. Die Sprache Urdu wird in nastaʿlīq aufgeschrieben, die so kompliziert in ihrer Schreibweise ist, dass große Tech-Firmen die ersten Jahre des 21. Jahrhundert sie einfach komplett ignoriert hat. Der Grund: Es ist nicht Englisch und alles, was nicht Englisch oder in der Nähe von Englisch ist, ist erst mal nervig.
Thomas S. Mullaney notes in his book, “The Chinese Typewriter,” all other languages are seen as permutations from that norm. Hebrew is English but backward. Arabic is English backward and in cursive. Russian: English with different letters. Siamese: English with too many letters. Perhaps the only major language to escape the thumb of Latin hegemony was Chinese, a script that is neither alphabetic nor syllabic, and thus had to be imagined entirely outside the box of existing technology.
Es zeigt sich mal wieder, dass der eurozentrische Blick für viele Menschen ganz gut funktioniert, aber für viele auch nicht. Man muss anscheinend erst eine Weltmacht werden, damit sich tatsächlich neue Lösungen ausgedacht und nicht einfach Abweichungen mit aller Gewalt in die existierende Form gepresst werden. Die altbekannte Diskussion um die Wichtigkeit von Inklusion zeigt sich hier für mich in einem neuen Gewand und führt zu der immer wieder nötigen Erinnerungen, dass selbst bei sehr grundlegenden Tätigkeiten wie Schreiben immer noch nicht an alle gedacht wird.
Auch wenn der Artikel mit einem kleinen Happy End abgeschlossen wird, ist das allgemeine Problem damit übrigens immer noch nicht gelöst. Um noch mal aus dem Beitrag zu zitieren:
In his 2013 study, mathematical linguist András Kornai found that, of the more than 7,000 languages used around the world — 2,500 of which are considered endangered — less than 5% were becoming fully functioning languages in the online realm. 
Und sonst so?
Strg+F hat eine Doku über Zoos und deren Existenzberechtigung nach Corona gemacht (hier hast du deine Tiere).
Tatort Rechts möchte die längst überfällige Datenbank für rechte Straftaten werden.
Rewriting the Future ist eine kostenlose Online-Konferenz, die nächste Woche ein paar sehr coole Leute vor die Kamera lässt.
In Zeiten, in denen Online Creator teilweise Millionen verdienen, fangen Gewerkschaften langsam an, sich für TikTok User zu interessieren.
Die Autorin Anke Stelling hat ein Interview über die deutsche Klassengesellschaft gegeben und Twitter kann nicht aufhören, darüber zu reden.
Song der Woche
BETWEEN FRIENDS - affection (Official Video)
BETWEEN FRIENDS - affection (Official Video)
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Marcel Schneuer

Wöchentliche Briefe an meinen Mitbewohner mit Interessantem aus Politik, Technologie und Kultur.

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