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Briefe an Max - Ausgabe #10

Briefe an Max - Ausgabe #10
Von Marcel Schneuer • Ausgabe #10 • Im Browser ansehen
Lieber Max!
Heute sende ich dir den zehnten Brief. Wo ist nur die Zeit geblieben? Die Bäume blühen wieder, im Supermarkt ist Ostern eingeschlagen und die Baustelle an unserem Küchenfenster ist gefühlt kein Stück weiter gekommen.
Diesmal geht es um die Gute-Laune-Themen Korruption, Gesichtserkennung und neue Methoden, um Schulden einzutreiben. Have fun!

Bratwürste sind auch Korruption
DokThema: Die Versuchung | Korruption in der Kommunalpolitik | Video der Sendung vom 17.03.2021 21:00 Uhr (17.3.2021)
Manchmal muss man die ARD für ihr Timing bewundern. Frisch zu den aktuellen Provision-Skandalen auf Bundesebene veröffentlicht sie eine Doku zu den Korruptionsvorwürfen gegenüber dem ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Regensburg. Relativ hohe Summen an Spendengeldern sind hier von einem Bauunternehmer an seine Wahlkampagne gegangen, was später das Engagement des OB bei der Vergabe von Baugrund an genau diesen Unternehmer in ein ziemlich schlechtes Licht gerückt hat.
Auf knapp 40 Minuten wird nicht nur der Fall Regensburg dokumentiert, sondern auch, wie man als Verwaltung resilient gegen solche Versuchungen gemacht wird. Ein interessanter Einblick, der deutlich direkter das eigene Leben betrifft als so manches Geschehen auf Bundesebene oder im Weißen Haus.
3, 2, 1 ... nicht mehr deins!
Want to buy a smartphone, but can’t afford it? In India, you can pay with your privacy - Rest of World
Aus unserem beliebten Bereich Dystopische Zukunft haben wir heute einen Fall aus Indien, in dem Kreditgeber mittlerweile direkte Kontrolle über das Smartphone haben, wenn man es über eine Finanzierung erwirbt. Kommt man ein bisschen im Verzug, fängt das Gerät immer nerviger an, an die verpasste Zahlung zu erinnern, bis zu dem Punkt, an dem es komplett gesperrt wird.
Nach Angaben der Kreditgeber soll das eine extrem effiziente Variante der Erinnerung sein, um an das Geld zu kommen. Nur sind die meisten solcher Modelle auch damit verbunden, dass automatisch die Nutzerdaten mit abgegriffen werden, um den Kreditscore zu verfeinern. Natürlich könnten sich da noch einige weitere Anwendungen für die Daten finden.
Erste Beispiele dieses Ansatzes gibt es auch schon in den USA. So hat Apple einen Nutzer wegen fehlender Zahlungen aus seiner Apple-ID ausgesperrt und damit aus seinem halben Leben. Es stellte sich später heraus, dass der Nutzer daran nicht ganz unschuldig war, jedoch hat es ihm persönlich auch gezeigt, wie sehr sein privates und professionelles Schaffen von einer einzigen Firma abhängig ist.
Wenn alles irgendwie Software ist und der Hersteller dauerhaft direkten Zugriff darauf hat, kann er es dir jederzeit auch wieder wegnehmen. Das ist schon mit gekauften Apps auf Smartphones, aber auch Zusatzleistungen in Autos passiert. Also, Augen auf bei der Kreditgeberwahl … und Software allgemein.
Wem gehört dein Gesicht?
Facial Recognition: What Happens When We’re Tracked Everywhere We Go? - The New York Times
Der Skandal um Clearview AI ist nun knapp ein Jahr alt. Eine Firma mit anscheinend rechtsnationalen Hintergrund hat etwa alle Bilder, die irgendwie im Internet existieren, gesammelt und diese zu einer Datenbank verschmolzen, mit der man angeblich wirklich jede Person finden kann. Was in der Realität vor allem mit nicht-weißen Menschen natürlich wieder nicht so wirklich funktioniert, ist trotzdem nicht nur ein Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild, sondern auch eine klare ethische Verletzung, vor der angeblich sogar Google und Amazon zurück geschreckt sind.
Kashmir Hill, die damals das erste Licht auf diese durchweg seltsame Firma geworfen hat, erzählt nun, was seit der Veröffentlichung passiert ist und wie es die Diskussion darum, wie viel Privatsphäre man im Internet noch haben kann, um ein Vielfaches verstärkt hat. Auf der einen Seite stehen Sicherheitsbehörden, die tatsächlich erste Treffer erzielt haben, die sie so nicht hinbekommen hätten und auf der anderen Seite findet man Menschen, die falsch erkannt wurden und dadurch ihre Eingangstür demoliert bekommen haben, wenn nicht sogar Schlimmeres. Der regelmäßige Missbrauch von solchen Instrumenten durch Beamte muss da gar nicht erwähnt werden.
Eine weitere Diskussion dreht sich darum, wer überhaupt die Daten von sozialen Netzwerken benutzen darf. Hier werden vor allem Forschende hellhörig, die schon seit Jahren das Problem haben, zuverlässig an solche Daten zu kommen und damit wichtige Forschung nicht durchführen können. Hier bin ich ehrlich gesagt selber ein bisschen betroffen, da ich mir erst letzten Monat einen Ast getippt habe, weil Instagram die automatisierte Analyse von Posts nicht zulässt.
Und sonst so ...
Vor ein paar Wochen ging es um NFTs als Schritt in die Zukunft für den Kunstmarkt. Der Fotograf Andy Day sieht das ein bisschen anders.
Der Bundesdatenschutzbeauftragte wirft Irland vor, dass sie Vergehen im Schneckentempo bearbeiten. Das Problem: Fast alle Meldungen müssen über Irland gehen.
Der aktuelle Stand zu AstraZeneca mit allen wichtigen Fakten.
James Acaster hat ein sehr gutes Comedy-Special veröffentlicht.
Stiftung Neue Verantwortung hat einen Ansatz vorgestellt, wie man Geheimdienste mit demokratischen Grundwerten zusammen bekommen könnte.
Song der Woche
Goldroger - Wie leicht (prod. Dienst&Schulter)
Goldroger - Wie leicht (prod. Dienst&Schulter)
Ich bin gerade sehr verliebt in Goldroger und seine Diskman Antishock EPs.
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Bussi
Marcel
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Marcel Schneuer

Wöchentliche Briefe an meinen Mitbewohner mit Interessantem aus Politik, Technologie und Kultur.

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