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Brief an Max #1

Brief an Max #1
Von Marcel Schneuer • Ausgabe #1 • Im Browser ansehen
Lieber Max,
Ich hoffe es geht dir gut auf der anderen Seite des Flurs. Ich habe viel über Clubhouse nachgedacht und warum ein Hype vielleicht auch mal wieder ganz geil ist. Außerdem: Optimismus für das Internet.

Clubhouseurlaub
Clubhouse announces plans for creator payments and raises new funding led by Andreessen Horowitz – TechCrunch
Wenn man den hippen amerikanischen Medien folgt, ist Clubhouse mindestens schon seit September das neue Ding und in geübter Arroganz habe ich es sofort als das abstempelt, was es zu 70% auch ist: eine Networking-Plattform.
Anscheinend geht jeder Wortbeitrag so:
  1. Sich bedanken, dass der Raum so gut moderiert wird.
  2. Erzählen, wer (und vor allem wo) man ist.
  3. Leicht das Thema anschneiden, um das es tatsächlich geht.
  4. Irgendwas bewerben, was man selber oder die eigene Firma produziert.
Die anderen 30% sind aber das, was es dann doch ganz geil macht. Viele Podcast machen auf einmal virtuelle HörerInnen-Treffen und JournalistenInnen (alle), Promis (viele, vor allem PolitikerInnen) und Halbgötter (Thomas Gottschalk) schauen spontan vorbei und schnacken mit Menschen. Es gibt kein Grund, dass man das nicht schon vorher machen konnte, aber dann war es immer über Facebook Events und 70 verschiedene Plattformen. Jetzt ist es eine und sie funktioniert.
Dabei macht sie noch einiges richtig: Neue Interessierte können nur von existierenden Mitgliedern eingeladen werden (und die Person fliegt gleich mit raus, wenn jemand Eingeladenes sich daneben benimmt), man braucht eine Handynummer um sich einzuloggen (und kann damit effektiv gesperrt werden) und es gibt keine krassen Einstiegshürden. Einloggen, Melden, Sprechen.
Du weißt es gibt wenig, was ich mehr hasse als Networking, aber die 30% geben mir Hoffnung, dass hier tatsächlich ein nachhaltig gutes Netzwerk entsteht. Mal sehen, was passiert, wenn Leute dann anfangen können, Geld für die Teilnahme zu nehmen.

Brücke sehen ...
Kampf auf der Bosporus-Brücke
Gefühlt ist es schon zwei Jahrzehnte her, aber ich kann mich noch erinnern, wie ich in meinem Bett lag und die Tagesschau meldete, dass ein Militärputsch in der Türkei stattfindet. Am nächsten Morgen war der Spuk schon wieder vorbei und das Militär unter Kontrolle gebracht. Trotzdem war es einer der ersten Momente, die sich für mich wie “Geschichte” angefühlt haben und tatsächlich hat Erdogan seitdem seine Macht stark ausgebaut.
Interessanterweise scheinen sich aber nur sehr wenige so aktiv daran zu erinnern, wie ich. Auf jeden Fall konnte mir niemand anderes bisher sagen wo er oder sie war (außer wahrscheinlich Zuhause). Ich glaube es ist es wirklich wert, sich nochmal mit dem Geschehen zu befassen. Erstens, weil dieser Militärputsch wirklich verdammt nahe an unser Haustür stattfand und zweitens, weil die Konsequenzen des Ganzen bis heute noch nicht vollkommen eingeschätzt werden können. Zivilisten und Laufsoldaten wurden auf einander gehetzt, um die Interessen der Eliten zu vertreten. Normalerweise der feuchte Traum eines jeden Populisten, in diesem Fall aber nur ein unbequemes Licht auf eine Erzählung, die von der Regierung eigentlich schon festgelegt wurde.
Wikipedia, olé
An Oral History of Wikipedia, the Web’s Encyclopedia
Wikipedia wird 20 Jahre alt … laut ihnen selber. Es würde mir wirklich schwer fallen, ihre Entstehung herauszufinden, wenn sie selber nicht einen Eintrag darüber hätten. Wikipedia war ein Start-Up gegen jeden “klaren” (und damit meine ich kapitalistischen) Verstand. Es kostet kein Geld, es hat keine Werbung, es ist spendenfinanziert und trotzdem ist es eine der meistbesuchtesten (Platz 13 laut Wikipedia) und immer noch existierenden Plattformen auf der Welt. What the fuck?!
In den letzten 20 Jahren gab es etliche Trends, was die Konzeption von Plattformen, Aufmerksamkeits-Erhaltung und nicht zuletzt Webdesign angeht. Wikipedia hat sich fast gegen alle gewehrt und ist wahrscheinlich gerade deshalb selbst von eingefleischten Internet-Feinden in den Schulen Deutschland als probates Mittel akzeptiert worden, um sich zumindest einen Überblick zu verschaffen. Um einen von drei relevanten Tech-Philosophen, Jaron Lanier, zu zitieren: Stellt euch vor, jede Wikipedia Seite würde spezifisch auf euch zugeschnitten sein. Die gemeinsame Realität hätte sich wahrscheinlich in den späten 2000ern verabschiedet.

Lied des Tages
Bombay Bicycle Club - Eat, Sleep, Wake (Nothing But You)
Bombay Bicycle Club - Eat, Sleep, Wake (Nothing But You)
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Marcel Schneuer

Wöchentliche Briefe an meinen Mitbewohner mit Interessantem aus Politik, Technologie und Kultur.

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